Interview
Clemens Wieland: Das Thema Berufsorientierung beschäftigt uns ja beide bereits seit vielen Jahren. Wir wissen um die immer wiederkehrende Forderung, dass Berufsorientierung neu gedacht werden müsse, um zum Beispiel Passungsprobleme zu lösen, mehr Gymnasiast:innen für die Ausbildung zu gewinnen und junge Menschen für Engpassberufe zu begeistern. Wird Berufsorientierung nicht mit all diesen Anforderungen überfrachtet? Oder ganz offen gefragt: Was kann sie leisten und was nicht?
Zunächst sollte geklärt sein, was überhaupt unter Beruflicher Orientierung zu verstehen ist. Geht es darum, unterstützende Informationen zu generieren und an die Jugendlichen weiterzugeben? Oder besteht ihre Hauptaufgabe nicht vielmehr darin, den Prozess, in dem sich junge Menschen auf der Suche nach einer beruflichen Zukunft befinden, dahingehend zu stärken, dass ihnen Anlässe zur Reflektion und Auseinandersetzung mit der Lebenssituation insgesamt gegeben werden. So verstanden ist Berufliche Orientierung nämlich ein Teil der Persönlichkeitsentwicklung und damit die Basis, um die Herausforderungen der Jugendphase, zum Beispiel das Loslösen vom Elternhaus, die Selbstpositionierung in der Gesellschaft oder auch die sozialen Komponenten, zu meistern. Angebote der Berufsorientierung sollten möglichst viele Anlässe schaffen, sich zu erproben und die eigene Situation zu reflektieren – und zwar für ALLE Jugendlichen in gleicher Weise. Für wichtig halte ich hierbei, dass sie biografieorientiert und offen ausgerichtet sind, die Stärken und Chancen im Blick haben und keine (defizitorientierte) Vorab-Kategorisierung junger Menschen vornehmen.
Clemens Wieland: Wenn über Berufsorientierung und ihre Verbesserungspotenziale gesprochen wird, sehen die meisten Fachleute direkt die Schulen in der Verantwortung. Diese allerdings haben ohnehin schon eine Vielzahl an Themen und Anforderungen zu schultern. Wer müsste sich hier deiner Meinung nach (außerdem) zuständig fühlen? Welche Rollen sollten zum Beispiel Unternehmen, Eltern, Berufsberatung etc. übernehmen?
Die Schule ist und bleibt der wichtigste Ort, um allen jungen Menschen Angebote näherzubringen, zum Beispiel Möglichkeiten der praktischen Erprobung (wie Praktika, Betriebshospitationen, Werkstatttage). Aber berufliche Orientierung muss letztlich überall dort stattfinden, wo Menschen von ihren Jobs und ihrem Berufsalltag erzählen können. Und ich gebe dir recht: Man kann nicht alle gesellschaftlichen Herausforderungen auf die Schule abwälzen und sie damit alleine lassen. In diesem Sinne braucht nicht nur die Schule Unterstützung, sondern es gilt außerdem, die kommunale Infrastruktur vor Ort nutzbar zu machen. Die wichtigsten Berufsberater:innen sind doch im direkten Umfeld zu finden, nämlich in der Familie, der Peer-Group oder dem Sportverein. Wir wissen, dass die soziale Anerkennung, die junge Menschen im Umfeld erfahren, eine sehr große Rolle bei ihrer Entscheidungsfindung spielt. Aber auch die Betriebe haben eine wichtige Aufgabe, indem sie den Jugendlichen frühzeitig erste Einblicke ins Berufsleben ermöglichen. Außerdem findet in Jugendhilfeeinrichtungen und in Migrationsnetzwerken Berufsorientierung statt. Berufliche Orientierung kann und soll also nicht von einer einzigen Institution geleistet werden, hier sind das gesamte Umfeld und die kommunale Infrastruktur inklusive aller sogenannten stillen Akteur:innnen gefragt. Letztlich kann dieser Prozess von den Jugendberufsagenturen, in denen sich die verschiedenen fachlichen Kompetenzen bündeln, koordiniert werden – sowohl bezogen auf den einzelnen Fall und die individuelle Begleitung, als auch mit Blick auf die Infrastruktur und Netzwerkarbeit vor Ort.
Clemens Wieland: Was ist das Konzept von Jugendberufsagenturen? Welches Potenzial siehst du in Jugendberufsagenturen mit Blick auf die Berufsorientierung und was muss getan werden, um dieses Potenzial voll zu entfalten?
Der Kern der Aufgabe von Jugendberufsagenturen besteht darin, allen jungen Menschen eine zentrale Anlaufstelle zu bieten, bei der sie ihre mannigfaltigen Anliegen vorbringen können. Durch
die multiprofessionelle Zusammenarbeit der Fachkräfte vor Ort, der Agentur für Arbeit, der Jugendhilfe, der Jobcenter, der Schulen und Beratungseinrichtungen etc. werden hier Hilfen gebündelt und Abläufe harmonisiert. Überall dort, wo Jugendberufsagenturen in diesem Sinne auf die individuellen Bedarfe reagieren, müssen sich die Jugendlichen nicht mit einem fragmentierten Hilfesystem auseinandersetzen und darin zurechtfinden. Auch die Angebote der Berufsorientierung können auf diese Weise koordiniert werden, und die persönlichen Lebenssituationen junger Menschen so besser berücksichtigen. Denn wenn zum Beispiel. die Wohnsituation unklar ist, Orientierungslosigkeit oder eine psychische Belastung vorliegt, ist es schwierig, sich den Fragen der beruflichen Perspektive zu widmen. Die soziale und berufliche Integration wird in einer gut funktionierenden Jugendberufsagentur zusammengedacht. Hierzu müssen sich die Akteure vor Ort über die Zusammenarbeit verständigen, ein gemeinsames Leitbild und eine Haltung entwickeln sowie verbindliche Strukturen und Abläufe schaffen.
Clemens Wieland: Das Sammeln eigener praktischer Erfahrungen gilt sozusagen als Königsweg in der Berufsorientierung. Welche Rolle spielen vor diesem Hintergrund digitale Tools?
Digitale Lösungen im Kontext der Berufsorientierung zielen häufig auf die Bereitstellung von Informationen, aber immer noch zu selten auf die digitale Unterstützung der Berufswahl- und Lernprozesse. Und wo das geschieht, werden die Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft. Dabei sind die Vorteile von digitalen Tools längst kein Geheimnis mehr: Sie können jungen Menschen einen schnellen und niedrigschwelligen Zugang zu den vielfältigen Themen der Beruflichen Orientierung ermöglichen und die Auseinandersetzung mit ebendiesen erleichtern. Jugendgerecht und zeitgemäß gestaltete Anwendungen und insbesondere mobile Lösungen holen die Jugendlichen da ab, wo sie sich auch im Privaten häufig befinden. Und sie können nicht nur dazu eingesetzt werden, praktische Erfahrungen zu begleiten und zu reflektieren, sondern bestenfalls selbst konkrete Einblicke in die Praxis ermöglichen. Eine der Herausforderungen besteht, wie bei allen anderen Themen und Phänomenen im digitalen Raum auch, natürlich darin, den Überblick über die Gesamtheit der Angebote zu behalten.
Clemens Wieland: Unsere Jugendbefragungen zeigen immer wieder, dass junge Menschen sich schwer damit tun, sich angesichts der Vielfalt der Berufswahlangebote zurechtzufinden. Was hat das BiBB dazu bewogen, mit zynd ein eigenes Berufsorientierungsportal an den Start zu bringen? Was zeichnet zynd aus und was ist die konzeptionelle Idee dahinter?
Mit den Angeboten des Portals zynd wollen wir adäquat auf die veränderten Realitäten im Kontext der Beruflichen Orientierung reagieren. Wir wollen nicht nur Informationen oder Wissen vermitteln, sondern eine Auseinandersetzung mit der eigenen persönlichen Situation befördern. In den interaktiven Berufsfeldpanoramen der Reihe „Job Dive 360°‘ werden nicht nur Inhalte der Berufsfelder und -bilder transportiert, sondern unter anderem über gleichaltrige Protagonist:innen sehr persönliche Fragen beantwortet, die soziale oder individuelle Aspekte berühren. Außerdem haben wir einige Module entwickelt, die zur Reflektion der eigenen Lebenssituation anregen: Auf welche Ressourcen kann ich zurückgreifen? Welche Werte sind mir wichtig? Und wie schätzen andere meine Eigenschaften ein? Und bei uns finden Jugendliche ein Tool, Preezy, mit dessen Hilfe Praktika dokumentiert und reflektiert werden können. Es gibt also einen bunten Strauß an Anwendungen, sogenannte Playlets, welche die Entscheidungs- und Handlungskompetenz stärken. Die Playlets sind in ein Gamification-Konzept eingebunden, das die jungen Menschen motivieren und zur Auseinandersetzung mit den Angeboten anregen soll. Fachkräfte bekommen zu vielen dieser Playlets begleitende Materialien, um sie im Kontext der persönlichen Beratung, des Unterrichts oder der Gruppenarbeit einzusetzen. Im geschlossenen Bereich des Portals können sie digitale Werkzeuge wie Videokonferenz, Whiteboard oder Dateiablage nutzen, um in Einzelcoachings oder in Gruppen den Prozess zeit- und ortsunabhängig digital zu begleiten. Insofern flankiert zynd die Angebote der BA und der Länder mit interaktiven Tools, die auf die Mediennutzungsgewohnheiten der Jugendlichen reagieren.
Weiterführende Infos: www.zynd.de
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