Wie gelingt es, junge Menschen in Ausbildung zu bringen und bis zum Abschluss zu begleiten? Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Ausbildungspflichtgesetzes lud das österreichische Sozialministerium am 17. und 18. September zur Fachtagung „10 Jahre AusBildung bis 18 – eine Zwischenbilanz“ nach Wien ein. Naemi Johanning, Senior Project Managerin im Stiftungsprojekt „Chance Ausbildung“, brachte die Perspektive junger Menschen und Befunde aus Deutschland in die Diskussion ein.

Drei Impulse aus dem Projekt „Chance Ausbildung“

Der Beitrag verband Studienergebnisse mit einem selbstkritischen Blick auf das deutsche Ausbildungssystem. Drei Botschaften standen im Mittelpunkt:

Ausbildungspflicht allein löst keine strukturellen Zugangsprobleme. Unbesetzte Ausbildungsplätze und junge Menschen, ohne Ausbildungsplatz bestehen nebeneinander. Eine Pflicht verändert weder die regionale Verteilung der Plätze noch betriebliche Auswahlhürden. Zugleich könnten viele Jugendliche, die in Übergangsmaßnahmen statt in Ausbildung sind, aus Sicht von Fachkräften bereits eine Ausbildung beginnen – teilweise mit begleitender Unterstützung. Strukturelle Probleme werden jedoch zu oft als individuelle Defizite behandelt. Fehlende Zugänge lassen sich nicht durch immer weitere Vorbereitung lösen. Deshalb gilt es, mehr jungen Menschen den direkten Einstieg zu ermöglichen und bei Bedarf Unterstützung während der Ausbildung bereitzustellen.

Ausbildungspflicht braucht wirksame Berufsorientierung und verlässliche Begleitung. Unsere Befunde zeigen, wie schwer vielen Schüler:innen die berufliche Orientierung fällt. Mehr Angebote schaffen nicht automatisch mehr Klarheit: Unübersichtliche Informationen und wechselnde Zuständigkeiten können die Suche nach einem passenden Ausbildungsweg zusätzlich erschweren. Entscheidend ist, ob junge Menschen ihre Möglichkeiten verstehen, Vertrauen in ihre eigenen Chancen gewinnen und konkrete nächste Schritte gehen können. Dafür brauchen sie feste Bezugspersonen und kontinuierliche Unterstützung. Ihre Einschätzung, welche Maßnahmen tatsächlich helfen, sollte ein Maßstab für deren Qualität sein.

Verantwortung endet nicht am Ausbildungsstart. Mit der Vermittlung sind Schwierigkeiten nicht automatisch überwunden. Gerade angesichts psychischer Belastungen brauchen junge Menschen verlässlichen Rückhalt. Dazu gehören unterstützende Ausbildungsbedingungen und entsprechend geschulte Ausbilder. Erfolg bedeutet mehr als Vermittlung: Entscheidend ist ein stabiler Weg bis zum qualifizierenden Abschluss.

Die übergreifende Botschaft: Eine Ausbildungspflicht darf nicht einseitig bleiben. Auch Staat, Betriebe und Gesellschaft sind gefordert, Angebote bereitzustellen, Zugänge zu öffnen und Begleitung zu sichern. Sonst droht aus ihr eine Maßnahmepflicht zu werden.

Gemeinsame Herausforderungen im deutsch-österreichischen Austausch

Weitere Vorträge und die Paneldiskussion ergänzten diese Perspektiven. Prof. em. Dr. Dieter Euler von der Universität St. Gallen beleuchtete unter dem Titel „Veränderungen, die nichts ändern?“ den deutschen Übergangssektor zwischen politischer Mutlosigkeit und pädagogischem Engagement.

Erste Ergebnisse der laufenden Evaluierung der Wirkung des Ausbildungspflichtgesetzzeigten auch die Grenzen der Wirkungsmessung: Die veränderte Zusammensetzung der Jugendlichen erschwert die Einordnung weitgehend stabiler Ausbildungs- und Abbruchquoten. Wie sich diese ohne Ausbildungspflicht entwickelt hätten, lässt sich aus den vorgestellten Analysen nicht ableiten. Befragte Fachkräfte bewerten die Ausbildungspflicht jedoch als wichtiges Unterstützungs- und Auffangsystem.

Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien in Wien machte anhand seiner Analysen zur Bildungsarmut deutlich: Der Handlungsbedarf reicht über den Bereich hinaus, den die „AusBildung bis 18“ abdeckt. Chefärztin PD Dr. Katrin Skala widmete sich der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Hier knüpfte das Projekt mit seiner jüngsten Studie zur mentalen Gesundheit in der Ausbildung an.

Was Deutschland mitnehmen kann

Eine besondere Stärke des österreichischen Ansatzes liegt aus Sicht des Projekts im Zusammenspiel von Ausbildungsgarantie, Ausbildungspflicht und bedarfsgerechter Begleitung. Ausbildungsangebote und Unterstützung erscheinen enger miteinander verzahnt als in Deutschland.

Zugleich stehen beide Länder vor ähnlichen Schwierigkeiten: Junge Menschen verlieren den Anschluss, Basiskompetenzen fehlen, und der Bildungserfolg hängt stark von der sozialen Herkunft ab. Hinzu kommen psychische Belastungen und der Rückzug ausbildender Betriebe. Auch Österreich erreicht noch nicht alle jungen Menschen ausreichend.

Für die deutsche Diskussion liefert die Zwischenbilanz deshalb einen wichtigen Impuls: Ausbildungsangebote, Orientierung und Begleitung müssen so ineinandergreifen, dass aus der Suche nach einem Ausbildungsplatz ein verlässlicher Weg zum Abschluss wird.